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Neuerscheinung

Kinderzeit in Betzdorf - Eine Autobiografie

Diese Autobiografie führt zurück in die 1950er und 1960er Jahre von Betzdorf an der Sieg. Der Autor wuchs hier auf und ging hier zur Schule. Er schildert in diesem kleinen Band episodenhaft seine Eindrücke, Empfindungen und Erlebnisse als Kind. Die Stadt war schwer vom Krieg getroffen worden und nun, Mitte der 1950er Jahre, entwickelte sich das Leben neu. 

Schon in jungen Jahren war der Autor, später Journalist, ein genauer Beobachter seiner Umgebung und seiner Mitmenschen, was an vielen Stellen dieser Autobiografie deutlich wird.

Es ist ein sehr persönlich gehaltenes kleines Buch, das zunächst nur für die eigene Familie bestimmt war, nun aber der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Wolfgang Stoessel: "Kinderzeit in Betzdorf", Format A 5, 92 Seiten, zahlr. SW-Fotos. Erhältlich für 9,95 € in den Betzdorfer Buchhandlungen Mankelmuth und Krusch, im Internet und beim Verfasser.

Auch als E-Book für alle Formate in allen Internetshops erhältlich.

Leseprobe

Fernsehen

In den 1950er Jahren etablierte sich ein neues Medium in der breiten Bevölkerung, das Radio und Kino starke Konkurrenz machte: das Fernsehen. Rundfunk- und Fernsehgeschäfte hatten Hochkonjunktur. Die Firma Radio-Eckel war auch groß im Geschäft.

Herr Eckel betrieb in unserem Haus einen großen Laden. In beeindruckender Zahl waren in den stattlichen Schaufenstern Fernsehgeräte und Phonotruhen zum Verkauf ausgestellt, in einer langen Vitrine auf der anderen Seite der Passage standen Kofferradios. Herr Eckel wusste, wie man Leute herbeilockte. Bei Olympischen Spielen nahm er im Schaufenster ein Fernsehgerät in Betrieb und zog damit die Passanten an. Richtig voll wurde es, wenn die Firma Patt & Dilthey Betriebsschluss hatte. Dann strömten die Arbeiter in die Passage und schauten fern. Mich ärgerte es, wenn ich dann zum Einkaufen ins Konsum oder zum Willwacher geschickt wurde, weil ich mich dann immer, manchmal mit Gewalt, durch die dicht stehende Menge drängen musste. Arbeiter, die nach Schweiß und Öl und Metall und Zigaretten rochen. Wenn die Übertragung zu Ende war und sich die Meute verzogen hatte, blieben Zigarettenstummel und Streichhölzer auf dem Boden liegen, die mein Vater als Hausmeister wegfegen musste.

Herr Eckel besaß in Betzdorf noch ein zweites Geschäft: einen Schallplattenladen in der Bahnhofstraße. Dort gab es eine Schallplattenbar mit Hockern davor. In der Theke waren Kopfhörer eingebaut, ähnlich einem Telefonhörer, nur ohne Sprechmuschel. Die Kunden durften sich dann vom Verkäufer oder der Verkäuferin eine Platte wünschen, diese wurde aufgelegt und man konnte sie mit dem Kopfhörer abhören und natürlich kaufen, was Herrn Eckel sicher am liebsten war. Die Firma Eckel besaß noch etliche andere Geschäfte, ich glaube in Kirchen, Herdorf und Daaden.

In unserem Wohnhaus gab es bereits ein Fernsehgerät, Sie ahnen sicher schon, wo es stand, natürlich bei Dr. Krumholz. Nachmittags um Fünf kam "Kinderstunde", Sendungen wie "Basteln mit Erika" oder "Luis Trenker erzählt", dessen Gerede mich langweilte, oder aber "Fury". Das war schon etwas Anderes, die Abenteuer eines Wildpferdes mit dem kleinen Joey. Manchmal durfte ich dann nach nebenan, um fernzusehen. Aber nicht immer. Dann legte ich mein Ohr an die Wand und lauschte und quälte: "Jetzt läuft gerade... ich möchte das gern sehen." Aber es wurde mir nicht erlaubt. Oder sie sagten zu mir, die Sendung beginne um Sechs. Wenn ich dann bei Krumholz klingelte und Fernsehen wollte, hieß es: "Fury ist doch schon vorbei, Kinderstunde begann um Fünf." Den Höhepunkt gab es, wenn ich wieder von meinen Eltern aus nicht Fernsehen durfte und ich anderntags des Doktors Tochter traf, die etwa in meinem Alter war, und die mir dann lange Zähne machte: "Gestern kam wieder Fury, das war schön. Da haste aber was verpasst!" Und ich ärgerte mich.

© Wolfgang Stoessel.