Leseproben

Ein kleiner Vorgeschmack...


Zuletzt gingen von der Mine Dolores nur vier voll beladene Wagen pro Woche ab. Das war wenig. Und im Moment stand die Förderung ganz still.

Auf dem Rückweg hielt der Don seinen Wagen vor Pedros Haus an. Hineingehen wollte er allerdings nicht, und auch Hein und ich wollten angesichts unseres schmutzigen Zustandes lieber draußen bleiben.

Unser Kommen war bereits bemerkt worden. Pedro trat vor die Tür. Er wollte uns allen Ernstes hereinbitten, aber wir lehnten alle drei ab. Ich erläuterte Pedro kurz unseren Plan. Dann sprach der Don mit seinem Vorarbeiter eingehend. Aus den Nachbarhäusern schauten die Leute - es war schon ungewöhnlich, dass der Don sich dazu herabließ, hier Halt zu machen.

Pedro zögerte. Allein wollte er auch keine Entscheidung treffen, sondern sich mit seinen Kollegen aus dem Ort beraten und auch mit der Gewerkschaft telefonieren. Zumindest dieser Punkt konnte heute nicht mehr geklärt werden. Ich erläuterte Pedro noch einmal eindringlich, dass der Schaden für den Don mit jedem Tag des Stillstands größer wurde und machte ihm das Angebot mit dem Ertrag einer ganzen Schicht nur für die Belegschaft noch einmal schmackhaft.

"Ich habe die Löcher übrigens selbst gebohrt, Pedro, für euch", erzählte ich ihm und bemerkte Anerkennung in seinem Blick. "Es liegt nur an dir. Wenn du sprengst, bin ich sogar bereit, und Señor Hein auch, morgen die Förderwagen zu beladen. Mein Freund Hein und ich sind auf jeden Fall wieder vor Ort. Aber je mehr von euch mithelfen, umso besser. Und wenn ihr während eurer Schicht nochmals sprengt, gehört auch das euch. Also - worauf wartest du?"

So gingen wir auseinander und der Don, Hein und ich fuhren weiter zur Haçienda. Wir nahmen den Hintereingang, denn in unserem schmutzigen Zustand verbot es sich von selbst, so durchs ganze Haus zu gehen.

"Señores, ich danke Ihnen sehr", sagte der Don. "Für mich ist der Tag leider noch nicht zu Ende, ich erwarte noch Besuch. Esperanza wird Ihnen vorher das Abendbrot servieren."

"Don Alfonso, wenn Sie gestatten, würden wir lieber auf meinem Zimmer essen, dann stören wir nicht. Und - morgen früh möchten wir wieder mit Ihnen zur Mine fahren, wenn es Ihnen recht ist.

Don Alfonso lächelte.

"Es ist mir recht, Señores. Ich weiß nicht, wie lange die Unterredung heute Abend dauern wird, aber vielleicht sehen wir uns danach noch."

Dann ging es so schnell wie möglich ins Bad, wir hatten es bitter nötig.

Danach begaben Hein und ich uns in mein Zimmer, und schon kurz darauf brachte uns Esperanza unser Abendbrot.

Wir genossen wieder ein gutes Mahl, wenn auch nicht so opulent wie gestern. Aber eine Flasche Wein fehlte wiederum nicht.

Hein und ich griffen herzhaft zu. Wir trugen nun unsere Ersatzkleidung, sozusagen unsere letzte Reserve. Wenn morgen wieder so ein Einsatz anstand, wurde es kleidungsmäßig eng für uns. Deshalb fragte ich Esperanza, ob ich unsere Kleidung waschen könnte und der gute Geist erklärte sich daraufhin sogar bereit, diese Arbeit für uns übernehmen.

Ich erkundigte mich bei Esperanza auch noch ein wenig 'durch die Blume', wer denn die Gäste seien, die den Don heute noch besuchen wollten. Aber sie blieb einsilbig und ich wollte auch nicht weiter nachbohren.

Wenig später fuhren drei vornehme Autos auf den Hof, wie Hein und ich aus unserem Zimmerfenster mitbekamen. Die drei ebenso vornehmen Herren wurden freundlich und ehrerbietig begrüßt, zunächst von Esperanza, dann von Don Alfonso, und dann gingen alle vier ins Arbeitszimmer des Hausherrn. Ja, ich gebe es zu, ich hatte unsere Zimmertüre einen Spalt breit geöffnet und gelauscht. Gut zwei Stunden später hörte ich Stimmengemurmel, die Herrschaften nahmen am Abendbrottisch Platz.

Für Hein und mich war das Abendbrot aber schon zu Ende und wir genossen den guten Wein.

"Mann, war das ein Tag", resümierte Hein und rieb sich seine schmerzenden Armmuskeln.

"Morgen wird's auch nicht besser", entgegnete ich. "Aber machen wir's wie die Pfadfinder: Jeden Tag eine gute Tat!" Wir lachten.

"Sag' mal, Alex, was hat eigentlich der Alte?", fragte mich Hein und nippte an seinem Glas. "Manchmal schaut er so grämlich drein, als ob er noch mehr Probleme habe als nur die mit der Mine."

"Ach, ist dir auch was aufgefallen?"

"Ja, manchmal wirkt er, als ob ihn irgendeine schwere Last drückt."

"Wahrscheinlich die Sorge um die Grube, der Streik und so weiter. Jetzt, wo alles stillsteht, kommt ja auch kein Geld rein", sagte ich.

"Hoffentlich geht er über die Tour nicht ganz pleite."

"Tja, möglich ist alles, wenn er keine Reserven hat."

Wir spekulierten noch weiter und, 'wie zufällig', brachte Hein dann das Gespräch auf Señorita Carmen. Er bedauerte aufrichtig, dass er sie heute nur kurz gesehen hatte.

"Alex", sagte er nach einer ganzen Weile, während er unentwegt von der schönen Mexikanerin geschwärmt hatte, "ich muss dir was gestehen. Ich habe mich total verliebt."

"In die Señorita?", fragte ich und spielte den Ahnungslosen.

"Meinst du vielleicht, in Esperanza?"

Wir amüsierten uns über meine Bemerkung.

"Du, ich hab' ihr das gesagt mit der 'schönen Blume', auf Spanisch", erzählte er weiter. "Gestern, beim Ausritt, der übrigens gar nicht mal so schlecht war. Ich glaube, ich lerne schnell reiten. Und der Bergbau - das interessiert mich auch, und zwar sehr. Hatte vorher ja nur mit Schiffen zu tun und..."

"Und?" -

"Das musst du nicht wissen", sagte er schnell. Ich fragte ihn auch nicht weiter zu dem offenbar heiklen Thema, das hatte ich mir ja eigentlich auch vorgenommen, aber mich plagte doch die Neugier.

"Aber was sagte die Señorita?", bohrte ich stattdessen weiter.

"Nun, sie hat gelacht - und sie ist richtig rot geworden. Ich glaube ... ja, ich glaube wirklich, sie mag mich auch", gestand mein Freund. "Weißt du, früher, als ich noch zur See fuhr..."

"Wie? Früher? Du willst nicht mehr?"

"Nee, ich glaube... weißt du ... ehrlich, Alex, ich glaube, mir gefällt es hier. Ich würde gern hierbleiben. - Und du? Wie soll es denn jetzt überhaupt weitergehen? Oder willst du auch hierbleiben?"

"Ich bin mir nicht sicher, aber... eher nein", antwortete ich. "Eigentlich wollte ich ja nur für meine Zeitung recherchieren und dann weiterziehen zum Yukon."

"Ja, schon klar. Aber dort ist nicht so tolles Wetter, die Winter sind hart, Schneestürme, wilde Tiere und so weiter. Nee, ich glaube, ich könnte hier glücklich werden."

"Das kommt ja sehr plötzlich." Mehr wusste ich nicht zu sagen.

Von draußen hörten wir das Schlagen von Autotüren, und kurz darauf brummten die drei Schlitten vom Hof. Wenig später klopfte es an meiner Tür. Esperanza war es. Sie fragte, ob das Essen gut war, was wir gern bestätigten und ihr damit ein Lächeln aufs Gesicht zauberten. Sie begann abzuräumen.

"Don Alfonso hat sich zurückgezogen", sagte sie. "Er kann heute nicht mehr mit Ihnen sprechen, Señores."

"In Ordnung. Aber sagen Sie ihm bitte, dass wir gern morgen früh wieder mit ihm zur Mine rausfahren würden."

Esperanza nickte und verschwand mit dem Geschirr auf dem Tablett.

*

Am nächsten Morgen frühstückten wir wieder im Salon, zusammen mit Don Alfonso. Die Señorita ließ sich nicht blicken. Ich erklärte dem Don erneut, dass Hein und ich noch einmal in der Grube arbeiten wollten und ich hoffte, dass die Bergarbeiter auch wieder zur Schicht kommen würden. Doch dem war leider nicht so. Aber es gab auch eine gute Nachricht. Als wir an der Mine eintrafen, berichtete uns der Lokführer, dass Pedro eingefahren sei und gesprengt habe. Darüber freuten wir uns. Währen der Don in sein Kontor ging, machten Hein und ich uns fertig und fuhren ein.

Unter Tage trafen wir Pedro, der, wie schon soeben vom Lokführer gehört, meiner Bitte wirklich nachgekommen war, die von mir gebohrten Löcher besetzt und gesprengt hatte. Eine Menge Erzgestein lag vor Ort und Pedro, ganz allein, füllte damit einen Grubenwagen. Den ganzen Zug konnte er nicht zum Abbau bewegen, weil die Gleise noch an einer Stelle voller Gestein lagen. Wir begrüßten uns freudig und ich lobte Pedro, dass er gekommen war.

Zunächst räumten Hein und ich die Gleise frei, dann brachte Pedro mit der Lok weitere Loren. Wir schufteten im Schweiße unseres Angesichts und füllten das Gestein in die Wagen.

Doch dann gab es eine Überraschung. Wir hörten aus der Ferne das Schachthammersignal, und dann kamen nach und nach weitere Bergleute zur Arbeit. So ging das Beladen schneller, und schon bald konnten die ersten Grubenwagen per Förderkorb nach oben schweben. Pedro sagte mir, dass sich die Arbeiter zwar noch nicht mit der Gewerkschaft verständigt hätten, sie aber das Angebot des Don nicht ausschlagen wollten, das Erz einer ganzen Schicht für sich selbst zu verkaufen.

Noch während wir das lose Gestein verluden, bohrten zwei Männer weitere Löcher. Als wir mit dem Verladen fertig waren, sprengte Pedro erneut. Einige Bergleute blieben noch da, um zu verladen, und weitere kamen zur nächsten Schicht. Sie alle arbeiteten mit großem Fleiß, denn der Ertrag ging ja diesmal auf ihre eigene Rechnung.

Zufrieden fuhren Hein und ich nach acht Stunden harter Arbeit wieder aus. Wir hatten kaum eine Pause eingelegt und dabei die Verpflegung verzehrt, die uns die gute Esperanza mitgegeben hatte. Heute waren wir übrigens nicht so verschmutzt wie gestern. Pedro kam mit uns raus und ich bat ihn, vom Kontor aus mit der Gewerkschaft zu telefonieren. Doch noch immer zeichnete sich danach keine Lösung ab.

Wieder fuhren wir mit dem Don zurück, machten uns frisch und bekamen unser Abendbrot erneut auf unserem Zimmer. Denn es gab eine weitere Besprechung. Offenbar dieselben Herren. Der Don informierte uns zwar über den Besuch, sagte aber sonst nichts dazu.

Hein und ich saßen also wieder in meinem Zimmer. Morgen wollten wir nicht mehr in der Grube arbeiten. Das Angebot des Don an die Bergleute war ja erfüllt, aber leider zeichnete sich kein Fortschritt ab.

"Sag' mal Hein, ich überlege schon die ganze Zeit, wie es mit uns weitergehen soll. Wir können die Gastfreundschaft des Don nicht länger strapazieren. Aber leider bin ich mit meinen Recherchen noch nicht groß weitergekommen, und das muss ich unbedingt noch erledigen. Aber wie mir scheint, hat der Don im Moment wenig Zeit."

Wie aufs Stichwort hörten wir jetzt wieder Stimmengemurmel von unten, der Besuch verabschiedete sich, und die Autos rollten vom Hof.

"Hast recht, Alex. Aber, verdammt, ich möchte die Señorita nicht verlieren. Wenn ich nur einen Grund fände, hierzubleiben."

© Wolfgang Stoessel.  

Fernsehen

In den 1950er Jahren etablierte sich ein neues Medium in der breiten Bevölkerung, das Radio und Kino starke Konkurrenz machte: das Fernsehen. Rundfunk- und Fernsehgeschäfte hatten Hochkonjunktur. Die Firma Radio-Eckel war auch groß im Geschäft.

Herr Eckel betrieb in unserem Haus einen großen Laden. In beeindruckender Zahl waren in den stattlichen Schaufenstern Fernsehgeräte und Phonotruhen zum Verkauf ausgestellt, in einer langen Vitrine auf der anderen Seite der Passage standen Kofferradios. Herr Eckel wusste, wie man Leute herbeilockte. Bei Olympischen Spielen nahm er im Schaufenster ein Fernsehgerät in Betrieb und zog damit die Passanten an. Richtig voll wurde es, wenn die Firma Patt & Dilthey Betriebsschluss hatte. Dann strömten die Arbeiter in die Passage und schauten fern. Mich ärgerte es, wenn ich dann zum Einkaufen ins Konsum oder zum Willwacher geschickt wurde, weil ich mich dann immer, manchmal mit Gewalt, durch die dicht stehende Menge drängen musste. Arbeiter, die nach Schweiß und Öl und Metall und Zigaretten rochen. Wenn die Übertragung zu Ende war und sich die Meute verzogen hatte, blieben Zigarettenstummel und Streichhölzer auf dem Boden liegen, die mein Vater als Hausmeister wegfegen musste.

Herr Eckel besaß in Betzdorf noch ein zweites Geschäft: einen Schallplattenladen in der Bahnhofstraße. Dort gab es eine Schallplattenbar mit Hockern davor. In der Theke waren Kopfhörer eingebaut, ähnlich einem Telefonhörer, nur ohne Sprechmuschel. Die Kunden durften sich dann vom Verkäufer oder der Verkäuferin eine Platte wünschen, diese wurde aufgelegt und man konnte sie mit dem Kopfhörer abhören und natürlich kaufen, was Herrn Eckel sicher am liebsten war. Die Firma Eckel besaß noch etliche andere Geschäfte, ich glaube in Kirchen, Herdorf und Daaden.

In unserem Wohnhaus gab es bereits ein Fernsehgerät, Sie ahnen sicher schon, wo es stand, natürlich bei Dr. Krumholz. Nachmittags um Fünf kam "Kinderstunde", Sendungen wie "Basteln mit Erika" oder "Luis Trenker erzählt", dessen Gerede mich langweilte, oder aber "Fury". Das war schon etwas Anderes, die Abenteuer eines Wildpferdes mit dem kleinen Joey. Manchmal durfte ich dann nach nebenan, um fernzusehen. Aber nicht immer. Dann legte ich mein Ohr an die Wand und lauschte und quälte: "Jetzt läuft gerade... ich möchte das gern sehen." Aber es wurde mir nicht erlaubt. Oder sie sagten zu mir, die Sendung beginne um Sechs. Wenn ich dann bei Krumholz klingelte und Fernsehen wollte, hieß es: "Fury ist doch schon vorbei, Kinderstunde begann um Fünf." Den Höhepunkt gab es, wenn ich wieder von meinen Eltern aus nicht Fernsehen durfte und ich anderntags des Doktors Tochter traf, die etwa in meinem Alter war, und die mir dann lange Zähne machte: "Gestern kam wieder Fury, das war schön. Da haste aber was verpasst!" Und ich ärgerte mich.

© Wolfgang Stoessel. 

Freitags abends klingelte das Telefon. Es war der Farmer, mit dem Vater sprach. Als er aufgelegt hatte, rief er David zu: "Morgen Vormittag kommen sie!"

Schnell verschlang David am nächsten Morgen das Frühstück und rannte dann zum Weg, um die Ankunft der Schafe auf gar keinen Fall zu verpassen.

Endlich - da kamen sie. Der Farmer brachte die Tiere auf einem großen Anhänger mit seitlichen Gittern, den er an seinen kräftigen Geländewagen angekoppelt hatte.

Dicht an dicht standen die Schafe dort und schaukelten während der holprigen Fahrt über den Weg mit dem Anhänger im Takt. David hüpfte vor Vergnügen, als der Transporter mit der Fracht auf ihrem Weg stehen blieb.

Jetzt waren die Schafe so nah und konnten nicht entkommen, dass David einige von ihnen streicheln konnte. Aber auch nun waren sie wieder sehr ängst-lich. "Sie werden nie ganz zahm", erklärte der Farmer. "Nur manchmal kommen sie, wenn man sie ruft, aber meist auch nur, wenn man ihnen dann etwas Extra-Futter hinstreut." Vater half dem Farmer. Sie öffneten das Gatter, und der Farmer fuhr sein Gespann dann rückwärts bis dicht an den Zaun. Dann stellten sich alle seitlich auf und der Farmer klappte das hintere Gatter des Anhängers zur Seite. Doch die Schafe blieben ängstlich stehen. Sie fürchteten sich mal wieder.

"Na los jetzt, komm", rief der Farmer und gab dem ersten Schaf einen kleinen Klaps. Sofort hüpfte es von der Ladefläche herab und rannte auf die Weide und nun wollten auch die anderen Schafe rasch hinterher. Sie drängelten, hopsten und sprangen, bis sie endlich auf der Weide waren.

Rasch schloss Vater das Gatter und der Farmer verabschiedete sich.

Endlich hatten sie eigene Schafe, freute sich David. Er ging gar nicht mehr von dem Zaun weg, um die Tiere zu beobachten. Anfangs blieben sie dicht zusammen, doch dann hatten sie das saftige Gras entdeckt und begannen zu fressen. Mit ihrer beweglichen Oberlippe schnappten sie sich ein Büschel und dann bissen sie zu und zupften das Gras mit den Zähnen ab. Dann begannen sie zu kauen.

Jetzt hatten sie auch gar keine Angst mehr. 

© Wolfgang Stoessel.