Leseprobe aus "Der Ochsenmillionär"

Wilhelm Zeihne lebte noch immer. Der Arzt und jene, die ihn in den kritischen Zeiten seiner Krankheit gesehen, schüttelten die Köpfe, weil sie es nicht fassen konnten. Zeihne aber lebte und trotzte dem Tod. Immer wieder ging er wie ein Triumphator aus einem bösen Winter in einen hoffnungsvollen Frühling.

In den letzten Tagen des März – es war im Jahre 1924 – machte Zeihne schon wieder Spaziergänge bis tief in den frühlenzlichen Wald. Jedes Mal, wenn die Sonne es gut meinte um die Mittagszeit, war er draußen, freute sich des feinen und wundersamen Duftes von Jugendfrische, der Baum und Waldboden entströmte, und der ersten bunten Frühlingsblumen, die ihre zarten Blütenköpfchen aus dem braunen Falllaub streckten. Andächtig lauschte er dem Gesang seiner kleinen gefiederten Freunde, und selbst das Dröhnen der Axtschläge im Hoch- und Niederwald empfand er wie eine herrliche Musik.

Auf einer dieser Wanderungen begegnete er dem Ochsenmillionär. Es war kurz nach Mittag, und Georg Neist hatte einigen Männern und Frauen, die für ihn in seinem Waldstück arbeiteten, ein Essen gebracht. Es gehörte zu den Eigenheiten Georg Neists, dass er in seinem Haus den Gebrauch von Kohle verschmähte. Nur Holz des heimischen Waldes durfte verbrannt werden. Er hasste nichts mehr als den Geruch von Kohlengas, schätzte dagegen den Duft des brennenden Holzes und schrieb ihm sogar eine heilsame Wirkung zu. Von den modernsten Heizungsanlagen wollte er nichts wissen. Er liebte nur seinen Ofen, in dem die Flammen laut knasterten und schnalzten; das sei im kalten Winter die richtige Musik, sagte er.

Als er den Invaliden traf, kam er gerade mit dem leeren Korb zurück. Zeihne mochte den “Kauz“ nicht leiden und hatte für dessen Absonderlichkeiten gar kein Verständnis. Hauptsächlich die Knickerigkeit dieses reichen Mannes war ihm zuwider. Er besaß eine radikale Natur, die jeden Begüterten unbarmherzig verdammte, der seine vollen Geldsäcke nur des Inhalts wegen liebte und sie deshalb sorgfältig hütete und verschlossen hielt. Er ließ nur Reiche gelten, wie Herbert Neist einer gewesen war. Sie mussten eine offene Hand haben, mit dem Geld wirtschaften, Gruben und Fabriken bauen, sodass auch die Mitmenschen von ihrem Reichtum profitierten. Solch verschrobene Gestalten wie der Ochsenmillionär, die seiner Ansicht nach ohne Saft und Kraft, nicht kalt und nicht warm, ohne Frauenliebe und Jagd, ohne Tabaksqualm und Schnaps, ohne Sang und Klang dahinlebten, fanden vor seinen Augen keine Gnade. Für ihn war das Verhältnis zwischen Herbert und Georg Neist die verständlichste Sache von der Welt. Wie hätte ein Mann wie Herbert Neist mit diesem verrückten Ochsenfreund in einer brüderlichen Freundschaft leben können?

In diesen Tagen trug Zeihne eine besonders finstere Miene und sah aus wie einer, der am liebsten mit jedem Menschen eine Keilerei beginnen möchte. Die Jagd des Dorfes war wieder zur Versteigerung ausgeschrieben. Im Gemeindekasten war’s ausgehängt, in den Lokalzeitungen waren Anzeigen erschienen, sogar im Inseratenteil einer Jägerzeitung hatte er es gelesen. Die Pachtzeit von neun Jahren war in der Inflation schon abgelaufen; aber man hatte es unterlassen, die Jagd zu versteigern, weil die Unsicherheit der Währung die Festsetzung einer Pachtsumme überhaupt nicht zuließ. Was dem Zeihne das Gesicht so finster machte, war die trostlose Ohnmacht, in der er das große Ereignis vorübergehen lassen musste, und auch der Gedanke daran, dass nun wahrscheinlich Kraiert wieder für neun Jahre Jagdherr würde.

Der böse Blick Zeihnes schüchterte Georg Neist nicht ein. Verschmitzt und zufrieden lächelnd kam er daher, den leeren Korb in der Rechten und die Linke in der Tasche einer engen dunkelgrauen Joppe, die bis zum Hals hinauf zugeknöpft war. Freundlich grüßte er den Invaliden. Zeihne knurrte nur – man wusste nicht, ob’s eine Verwünschung oder ein Gruß sein sollte. Georg Neist ging an ihm vorbei. Plötzlich aber blieb er stehen, hob den Kopf empor, den wieder die langschirmige Jockeymütze bedeckte, und über das spitze, glattrasierte, kluge Gesicht ging ein helles Leuchten. Er wandte sich um und rief:

„He – Zeihne!“

Auf den Ruf hielt Zeihne an. Langsam drehte er sich um und warf einen Blick auf den Rufer, der da auf dem Wege stand, klein und hager, dürr, nicht besser angezogen als der Invalide. Der Blick Zeihnes sagte: Was willst du elender und blöder Geldgeier und Ochsenmensch von mir? Haben wir beide uns denn auch etwas zu bestellen?

Doch Georg Neist schien den Blick nicht zu verstehen. Er kam zurück. Seine lebhaften, hellblauen Augen strahlten wie die eines lustigen Kindes.

„Zeihne – hehe -, wissen Sie schon, dass übermorgen unsere Jagd versteigert wird?“

Ein dumpfer, zorniger Ton drang über die Lippen des Invaliden. Er zog das Kinn an, dass der lange Bart sich spreizte, und schielte von unten herauf den Frager böse an.

Als er nicht antwortete, fuhr Georg Neist mit heiterer und sorgloser Stimme fort:

„Nanu, Zeihne, ich kann nicht annehmen, dass Sie das nicht interessiert. Sie sind doch weit und breit bekannt als ein ganz großer Nimrod!“

„Wollen Sie sich lustig machen über mich?“, fragte Zeihne rau und drohend.

„Lustig machen? Hehe! Weshalb sollte ich mich denn lustig machen über Sie?“ Und in einem Tone, als handele es sich um die einfachste Sache von der Welt, fragte er:

„Hätten Sie Lust, Zeihne, die Jagd zu ersteigern?“

Der Invalide fuhr zusammen, als habe ihm jemand einen Stein auf den Kopf geschlagen. Seine Augen begannen wild zu funkeln und die Hände ballten sich. Dumpf, sich mit aller Macht beherrschend, stieß er hervor:

„Wenn Sie sich einen Spaß mit mir machen wollen, da kommen Sie an den Rechten! Wenn Ihnen Ihre Knochen lieb und wert sind, dann gebe ich Ihnen den Rat, schnell weiterzugehen!“

Diese Antwort machte Georg Neist Vergnügen, er lachte und kicherte:

„Hehe, Zeihne, Sie haben eine gefährliche Laune! Hehe, das kann ich verstehen! Doch seien Sie mal ein wenig vernünftig und sagen Sie mir, ob Sie die Jagd haben wollen oder nicht?“

Noch drohender wurde Zeihnes Miene; er schien mit aller Willenskraft seine Wut und seine Fäuste bändigen zu müssen.

„Ich rate Ihnen noch einmal: Lassen Sie Ihre Scherze! Die können Sie bei Ihren Ochsen machen, aber net bei mir! Ich bin ein armer Mann, aber verulken lasse ich mit net!“

„Hehe – verulken! Ich rede doch in vollem Ernst!“

„In vollem Ernst? Das weiß doch jeder Rotzjunge im Dorf, dass Sie total verrückt sind!“

„Hehe – total verrückt! Weil Sie die Jagd haben sollen?“

„Wie soll ich eine solche Jagd bezahlen? Mit meiner Knappschaftsrente – hä? Weshalb kommen Sie mir mit einem solchen Quatsch?“

„Hehe, es ist doch kein Quatsch! Sie können die Jagd natürlich nicht bezahlen – aber bei etwas mehr Sparsamkeit – hehe – brächte ich’s zuwege!“

„Sie?“ Zeihne riss den Kopf höher. „Hähä, Sie wollten die Jagd pachten?!“

„Hehe – nicht pachten – nur bezahlen!“

„Verflucht nochmal, halten Sie mich net länger zum Narren hier, das rate ich Ihnen! Bin hochgeschraubt genug!“

Georg Neist versetzte ruhig und heiter: „Zeihne – hehe - , ich gäb’ einen Jäger, was? Das wäre ein Spaß für die Leute, wenn ich mit einem Jägerhut, mit grünem Anzug und Flinte daherspaziert käme – hehe. Zeihne, der Leute wegen täte ich’s gern. Schade, dass ich nicht für einen Jäger das Zeug habe –„

„Also was wollen Sie denn?“, rief Zeihne zornig und grob.

„Ich will, dass der Kraiert die Jagd nicht mehr kriegt, weil er, genau wie ich, gar kein Jäger ist! Ich will, dass kein Fremder die Jagd kriegt, weil ich in unserem Wald keine Fremden schießen hören kann! Ich will, dass Sie die Jagd kriegen, Zeihne, weil keiner wie Sie Wald und Wild liebt, weil Sie ein richtiger, ein geborener Jäger sind und“ – Georg Neist brachte seinen Mund dicht an Zeihnes Ohr und sagte es flüsternd – „damit Sie nicht mehr zu wildern brauchen!“

„Kreuz und Gewitter!“, zischte Zeihne; er rollte die Augen, ein Röcheln drang aus seiner Kehle und seinen breiten, knochigen Körper durchlief ein Zucken.

„Hehe, das will ich!“, fuhr Georg Neist fort und sein spitzes Schalksgesicht strahlte vor Freude. „Und ich sage mir, weshalb soll ein armer Berginvalide nicht auch mal ein Jagdherr werden, wenn er dazu taugt? Sollen das immer die protzigen und dünkelhaften Herren sein, die hochnäsig auf ihren Geldsack klopfen, die mit ihren Autos im Wald herumlärmen und –stinken, die mit ihren bemalten Dämchen im Wald liebäugeln und saufen? Ah, Zeihne, ich will diese Jäger in unserm Wald nicht mehr haben! Weg mit ihnen! Fort! In unsern Wald gehört einer wie Sie! Sie passen hinein wie’s Ei ins Nest! Sie müssen hier Jäger werden, kein anderer!“

„Himmel und Hölle!“, keuchte Wilhelm Zeihne, die Augen aufgerissen, bebend vor Erregen. „Aber das kostet einen Haufen Geld - einen schweren Haufen Geld kostet das!“

Georg Neist machte eine verächtliche Bewegung. „Hehe, was kostet’s denn schon?“

„Achthundert Mark im Jahr zumindest – nein, neunhundert todsicher – nein, noch mehr! Es ist doch eine der besten Jagden! Tausend wird sie kommen –"

 „Hehe, was macht’s denn, Zeihne?“

 „Der Kraiert wird draufbieten, was das Zeug hält!“

 „Hehe, das wär’n Spaß, Zeihne!“

 „Vielleicht geht er sogar über tausend!“

 „Zeihne, welch ein Geldsegen wär’ das für die Gemeinde! ‚s Geld bleibt ja in der Gemeinde, Zeihne!“

 „Noch über tausend wollen Sie gehen?!“

 „Wenn’s nötig ist auf zweitausend – oder drei-, oder fünf-, oder auch zwanzigtausend! Wofür habe ich denn mein Leben lang gespart – hehe? Sie sollen die Jagd haben, Zeihne, koste es, was es wolle! Seien Sie versichert, Zeihne, ein Kraiert kommt beim Bieten Ihnen nicht nach – hehe“

„Hölle und Teufel!“ Der Invalide bebte bis in die Schuhe hinunter.

„Koste es, was es wolle, Zeihne: Sie und kein anderer kriegen die Jagd! Alles zahle ich! Es soll Sie keinen Pfennig kosten! Ihre Knappschaftsrente – hehe- wollen wir nicht belasten. Was die Jägerei an Unkosten verursacht, zahle ich. Alle Jagdbeute gehört Ihnen. Nur eine einzige Bedingung stelle ich: Sie dürfen keiner Menschenseele verraten, dass ich das Geld gebe - auch meinem Bruder nicht! Er kann meinetwegen mit Ihnen jagen, doch er darf nichts wissen von unserem Pakt!“ Höhnisch kichernd fügte er hinzu: „Ich könnte ja sonst bei den Leuten in ein falsches Licht geraten. Man würde glauben, ich sei plötzlich ein Verschwender und Wohltäter geworden – hehe –„

„Aber bei der Versteigerung wird man eine Sicherheit von mir verlangen, dass ich das Pachtgeld auch pünktlich zahlen kann!“

„Hehe, Zeihne, das machen wir schon. Kommen Sie heute Abend zu mir, dann bereden wir alles. Kommen Sie?“

Stumm und schwer nickte der Invalide.

Georg Neist lächelte freundlich und grüßte: „Auf Wiedersehen, Zeihne! Bis heute Abend dann!“ Verschmitzt lächelnd und eine Freude im Gesicht wie ein Kind, dem ein Spaß gelungen, schritt er gemächlich weiter, den Korb in der Rechten.

 

Zeihne glotzte ihm eine ganze Minute lang nach. Er zitterte wie ein Frierender. Während dumpfe Laute seiner Kehle entquollen, bewegte er sich mit schlotternden Knien zum Rande des Weges und ließ sich dort auf einen Baumstumpf nieder. Die Blicke seiner rollenden Augen überflogen den Wald. All die Wälder, die er sehen konnte, dazu die Felder und Wiesen, gehörten zur Jagd des Dorfes. Und über diese Jagd sollte er, der Berginvalide Zeihne, gebieten.

"Herrgott", murmelte er, "willst du mir elendem Sünder noch ein solches Glück bescheren? Und wenn du mir solche Gnade gibst, dann musst du mich auch noch leben lassen! Denn wie könnte man sterben als Besitzer dieser Jagd!"

 

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