Leseprobe aus "Der Wolfsziegel" - Winterteil -

Kapitel 8: Der erste Wolf

 

Tirette gähnte herzhaft. Er war sehr früh aufgestanden. Unten, am zugefrorenen Fluss, hatte er Fallen aufgestellt. Und jetzt saß er in der warmen Stube am Kamin und langweilte sich. Er war davon überzeugt, dass er noch am Vormittag die Beute einsammeln konnte.

Vor zwei Tagen waren die Drosseln zurückgekehrt. Das fröhliche Zwitschern hatte ihn auf den Gedanken gebracht, die Fallen aufzustellen. Drosseln schmeckten lecker, auch seinem Freund Joseph. Er wollte ihm ein paar am Nachmittag vorbei bringen. Welch guter Vorwand, ihn zu besuchen, ohne dass jemand Verdacht schöpfen konnte. Joseph hatte eine Cousine, die eigentlich nur für ein paar Tage in den Ferien bei Onkel und Tante verbringen sollte. Aber der Schnee hatte ihre Abreise verzögert. Und diese Maryse ging Tirette nicht mehr aus dem Kopf. Das hübsche Mädchen mit seinem unschuldigen Blick hatte ihm ganz schön den Kopf verdreht! Indem er Joseph die Drosseln brachte, konnte er ohne Aufsehen in die Nähe des Mädchens gelangen! Ein gerissener Plan, niemand würde ihn durchschauen! War es nicht das Selbstverständlichste auf der Welt, dass man seinem Freund ein paar Drosseln vorbeibrachte, wenn man Jäger war? Und so konnte sich die Schöne ja auch damit den Bauch vollschlagen.

Er gähnte nochmals und blickte auf die Pendeluhr über der Kommode. Fast elf Uhr!

Er stand auf, reckte und streckte sich, griff nach seinem Gewehr, zog die warme Jacke an und pfiff dem Hund.

Mitou blickte ungläubig zu seinem Herrchen auf, erhob sich dann aber doch und trottete schwanzwedelnd auf ihn zu. Es war dem Hund anzusehen, dass er keine große Lust hatte, seinen warmen Platz am Ofen aufzugeben, um Tirette in die klirrende Kälte zu folgen.

„Wo gehst du denn schon wieder hin?“ Mailine konnte den Jagdausflügen ihres Sohnes nichts Gutes abgewinnen. Gewiss, er brachte immer etwas Besonderes für den Kochtopf mit, aber dennoch!

„Ich schau’ nach meinen Fallen!“

Seine Mutter schüttelte machtlos mit dem Kopf.

„Immer unterwegs! Irgendwann passiert noch ein Unglück!“

Tirette antwortete nicht, sondern schlug nur die Tür hinter sich zu. Er wollte seiner Mutter nicht wehtun, aber sie ging ihm schon gewaltig auf die Nerven.

Er lief gut gelaunt den Hang abwärts zum Fluss, Mitou dicht an den Fersen. Schon von der Brücke aus konnte er die in Reih’ und Glied aufgestellten Fallen erkennen. In einigen bewegte sich etwas und braune Flecken hoben sich im weißen Schnee ab. „Prima, es hat geklappt!“, freute er sich.

Er hüpfte über die Brüstung in den weichen Schnee am Ufer und begann die erste Falle zu leeren. Geschickt packte er den Vogel. Mit der flachen Hand schlug er ihm gekonnt ins Genick, um ihn schnell und schmerzlos zu töten. Anschließend band er ihn an eines der zahlreichen Lederriemchen an seinen Gürtel. Er stellte die Falle wieder auf, legte einen Stückchen Brot auf die Arretierung und lief zur nächsten Falle.

Die Fallen waren entlang der Uferböschung verteilt bis zu dem Steinhaufen gegenüber von Ravenelles Haus. Mehr als die Hälfte war voll. Ungefähr zwanzig Vögel hingen ihm um die Taille, wie eine barbarische, aber ruhmreiche Schürze.

Zufrieden stellte er die letzte Falle wieder an seinen Platz und streckte sein schon leicht gebräuntes Gesicht der wärmenden Sonne entgegen. Heute Abend konnte er sicher nochmals so viele Vögel einsammeln.

Ohne auf den Weg zu achten, machte er kehrt. Er stolperte in einer Vertiefung und fiel der Länge nach hin. Lachend stand er wieder auf und klopfte sich den Schnee aus den Kleidern und aus dem Gesicht. Er musste lustig aussehen, überlegte er, während er sich sein Kinn abwischte. Als ob er einen langen Bart aus Schnee hätte.

Mitou neben ihm fand das offenbar nicht lustig. Er bellte zornig. Tirette, der noch ganz mit sich beschäftigt war, blickte seinen vierbeinigen Gefährten verwundert an. „Was ist denn los?“

Aber Mitou beachtete ihn überhaupt nicht. Er knurrte nur noch lauter und heftiger, und sein Fell sträubte sich.

Weiter vorne lief ein großer Hund quer über die Wiese.

„Schluss jetzt! Lass’ ihn in Ruhe!“

Der große Hund blieb stehen. Mitous Knurren war in ein grauenvolles Heulen übergegangen. Unheimlich, so laut und wütend klang es. Der Hund zitterte am ganzen Leib.

Tirette beobachtete aufmerksam den großen grauen Hund.

„Sieht aus wie Toto, der Hund vom Bürgermeister. Komm, wir gehen!“

Ohne auf seinen Herrn zu hören, rannte Mitou wie von einer Tarantel gestochen los. Der Schnee spritzte nur so unter seinen Läufen. Zehn Meter vor dem Hund stoppte er abrupt, machte eine Kehrtwendung, und versteckte sich jaulend hinter Tirette, der ihm etwas langsamer gefolgt war.

Der große Hund hatte sich nicht bewegt.

„Mein Gott, bist du wahnsinnig, oder was? Du siehst doch, dass er dir nichts tun will! Lass’ ihn jetzt endlich in Ruhe!“

Tirette drehte um und machte sich auf den Heimweg. Der Schnee wurde in der nun immer wärmer werdenden Sonne nass und schwer.

Sein Gürtel war durch das Gewicht der Vögel unter die Taille gerutscht. Er blieb stehen, um den Gürtel enger zu schnallen. Ein fürchterliches Bellen fuhr ihm durch Mark und Bein. Erschrocken blickte er zu dem Hund zurück.

„Ach du Schreck!“

Blitzschnell hatte der große graue Hund auf leisen Sohlen die fünfzig Meter, die zwischen ihnen lagen, zurückgelegt. Er visierte Mitou an, alle Muskeln zum Zerreißen angespannt, bereit zu springen. Mitou schäumte der Mund vor Wut und Angst. Geschickt wich er dem Sprung aus. Ein lautes entsetzliches Knacken. Die Kiefer schnappten zusammen, Gott sei Dank nur mit Luft zwischen den Zähnen.

Tirette riss sich sein Gewehr von der Schulter und lud es.

„Der Idiot zerfleischt meinen Hund!“

Perplex hielt das große graue Vieh in seiner Bewegung inne, als es die Stimme des jungen Mannes vernahm.

Seine gesamte Aufmerksamkeit gehörte nun Tirette.

In den Augen dieses Hundes lagen so viel Brutalität und Grausamkeit, dass Tirette für den Bruchteil einer Sekunde völlig verwirrt war. Aus der Nähe betrachtet war der Hund wirklich beachtlich, nicht dick, vielmehr schienen alle Gliedmaßen und der Körper unverhältnismäßig lang gezogen. Er hatte ungewöhnlich kräftige Hinterbeine, viel kräftiger als ein Schäferhund. Ein prächtiges Tier!

Er war gut zweimal so groß wie Mitou, der gewiss nicht zu der kleineren Sorte Hund gehörte.

In seinen Augen funkelte es böse. Er war bereit zu töten!

„Der hat Tollwut, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche!“, knurrte Tirette, den Finger am Abzug.

 Plötzlich brüllte das Tier laut auf, zog sich in sich zusammen, spannte wieder alle Muskeln und setzte zum Sprung an. ...

 

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©Wolfgang Stoessel, Betzdorf