Leseprobe aus "Erz"

In dem ehemals reichen Grubendorf zeichnete sich von den sauberen, weiß gekalkten Fachwerkhäusern eins durch eine besonders behäbige, großartig wirkende Form aus. Es schien noch älter und in höherem Glanz erbaut zu sein als das Dahlberg’sche Ahnenhaus. Mächtige, reich verzierte Eichenbalken hielten die Wände. Das riesige Dach war ebenfalls mit bestem blankem Schiefer beschlagen. Den Hof vor dem Hause umstanden in erhabener Mächtigkeit uralte Kastanienbäume. Eine geteilte Tür, die in kunstvoll ausgeführten Schnitzereien symbolhaft die einstige Tätigkeit der Besitzer dieses Grundstücks bekundete, führte auf einen mit schweren Steinplatten belegten Flur. Die Decken der wie kleine Säle anmutenden Zimmer wurden von starken Pfeilern getragen. An den Wänden waren bis in Brusthöhe Eichentäfelungen angebracht. Alte, mächtige Eichenschränke zeugten von dem Reichtum der ehemaligen Bewohner. In allen Ecken kündeten massige Truhen von der Macht stolzer, in ihrem Reiche wie Königinnen waltender Hausfrauen.

Die einstige Pracht war blass geworden, weil sie keine Pflege mehr hatte. Und der Reichtum? – Er war von dieser Stätte geflohen wie früher die Menschen vor der Pest. Eine erbarmungslose Zeit hatte wie eine Walze blühendes, schöpferisches Leben zermalmt.

In dem Hause wohnte der alte Grubengewerke Kilian Hombach. Sein zerfurchtes Gesicht, Erbtum eines Jahrhunderte alten Erz- und Eisenmännergeschlechtes, war grau wie die Farbe an den Eichenbalken der Außenfront des Hauses. Seine abgetragenen Kleider rochen muffig wie die staubbedeckten Möbel in den kalten, fast lichtlosen Stuben. Aber seine Kraft war noch ungebrochen, die zweiundsiebzig Jahre seines Lebens hatten seinen Rücken nicht gekrümmt.

Verbittert und gallig war er geworden, der alte Hombach, griesgrämig und unzugänglich, fast boshaft. Wer mit ihm zu tun hatte, wusste den Abend zu schätzen, wenn der Alte sich auf sein Strohbett legte und sein rasselndes Schnarchen hören ließ. Auf einem Strohbett schlief er noch. Er konnte die modernen, so unerhört weich gefederten Betten nicht leiden.

Aber es gab nicht mehr viele, die unter seinem ewigen Nörgeln, Geknurre und Geschimpfe seufzten. Seine Frau lag schon ein Jahrzehnt im Grabe. Einen Sohn deckte der Rasen am Chemin des Dames, ein anderer war auf der Insel Ösel begraben. Diese zwei bärenstarken Recken hatte der Krieg gefordert. Nur einer war noch da, der Jüngste der Familie. Aber mit dem hatte er wenig zu schaffen. Der Kerl war für ihn so gut wie erledigt.

Dieser Jüngste war einmal sein Abgott gewesen. Er hatte ihn auf die Bergakademie geschickt. Er sollte natürlich auch ein Erzmensch werden wie der Vater. Der Junge besaß auch zweifellos wie alle seine Ahnen eine geniale bergmännische Begabung. Das hatte sich, es war ja kein Wunder, vererbt. Aber plötzlich, nach sechs Semester Studium, hatte Reinhard umgesattelt. Er studierte auf der Technischen Hochschule in Aachen, ohne vorerst des Alten Einverständnis eingeholt zu haben. So ein Aus-der-Art-schlagen war dem Vater über die Hutschnur gegangen. Es hatte gewaltige Szenen abgesetzt, sogar Schläge waren dem missratenen Sohn angedroht worden.

Nun betätigte sich Reinhard seit mehreren Jahren als Ingenieur auf einem Stahlwerk in der Nähe des Grubendorfes. ‚Es ist eine Sünde und Schande!’ hatte der Alte getobt.

Reinhard nahm das Leben so, wie es ist. Er nahm aber auch den Alten, wie er eben war. Obwohl es ihn oft ins Elternhaus zog, war es doch nicht möglich, wieder in ein vertrauliches Verhältnis mit dem Vater zu kommen. Sie gingen wie Katz und Hund nebeneinander her. Der dickschädelige Gewerke fand keinen Kontakt mehr mit dem Sohn. Kilian Hombach war bis vor zwei Jahren von einer alten Jungfrau betreut worden, die ihn und sein Haus leidlich in Ordnung hielt. Sie kam morgens und ging abends wieder. Sie schlief bei einer verheirateten Schwester. Sie wollte, wie sie sagte, in der Nacht nicht allein mit dem alten Gewerken unter einem Dach sein. Die Furcht, die sie vor ihm hatte, war eigentlich völlig unbegründet, aber die alte Jungfer witterte hinter den sich von Zeit zu Zeit wiederholenden Wutausbrüchen ihres Brotherrn Mord- und Totschlaggedanken. Hinzu kam, dass der Gewerke seit der Stilllegung seiner letzten Grube – das war im Januar 1929 – öfter in den Gasthof ging und spät in der Nacht schwankend nach Hause kam. Als er eines Tages von ihr verlangte, sie solle ihm eine Flasche Wacholder holen, schlug sie ihm dies Ansinnen rundweg ab. Da jagte er sie aus dem Hause.

Da er mit keinem Menschen über seine Verhältnisse sprach, er aber eine Hilfe haben musste, suchte er in der kleinen Lokalzeitung, die in dem Grubendorf fast in jedem Haus gelesen wurde, eine Person zur Führung seines Haushaltes. Niemand meldete sich. Er fluchte und wetterte, wurde noch mürrischer von Tag zu Tag.

Kurze Zeit später erschien die Leiterin des kleinen Waisenhauses, das sich in der Nähe des Dorfes befand, bei ihm. Sie habe noch ein braves Mädchen im Hause, sagte sie, Elsa Hiller mit Namen. Sie sei jetzt so alt, dass sie für sich selbst aufkommen müsse – sie sei sehr tüchtig und fleißig.

Der alte Hombach wusste wohl, was mit dem Mädchen an Unerquicklichkeiten im Zusammenhang stand, aber er hatte keine Wahl. So kam Elsa Hiller zu ihm.

Das Mädchen, scheu und ängstlich, zitterte, wenn er mit groben, polternden Worten schimpfte. Sie war still, widersprach nie, auch wenn sie von ihm noch so ungerecht behandelt wurde. Das reizte ihn immer mehr. Sie sch1ich hinweg, wenn sein jähzorniges Blut in Wallung kam, ging ihm aus dem Wege. Das Haus wurde zu einem wahren Martyrium für Elsa Hiller. Man gab ihr kein Licht, keine Freude. Sie fand nur schwerste Arbeit, schlechten Lohn.

Bis eines Nachts etwas Entsetzliches geschah. Kilian Hombach kam spät aus der Wirtschaft nach Hause. Elsa lag im Bett, verängstigt, mit laut klopfenden Pulsen. Der Gewerke polterte die Treppen hoch, schlug an ihre Tür. Auf der Stelle solle sie sein Haus verlassen. Er schrie von Dirnenpack, für das sein Haus zu gut sei. Eine Flut von Verwünschungen und entehrenden Beschimpfungen ergoss sich über das Mädchen, das zu Tode erschrocken aus dem Bett sprang, sich in Hast ankleidete und durch eine Hintertür den Weg ins Freie suchte.

Es war eine mondhelle Nacht. Sicher hatte man den Gewerken in der Wirtschaft aufgewiegelt, ihn gehänselt wegen der Hiller, die er im Hause habe. In dieser Wirtschaft hatte all ihr Unheil begonnen. Dort gab es Schnaps, und im Schnaps sitzt der Teufel.

Elsa dachte an die alte Rosa. Die Frau war gut zu jedem Bettler. Sie versch1oss keine Tür. Bei ihr konnte ein- und ausgehen, der guten Sinnes mit ihr war.

So fand die verstoßene Elsa ein Heim, arm und klein, und doch fehlte es nicht an Wärme und Zufriedenheit.

Wieder war der Gewerke Hombach allein. Nein, nicht ganz allein. Er besaß noch einen Hund, eine Kreuzung zwischen Dogge und Schäferhund, groß, stark, bissig und unberechenbar. Zwischen dem Gewerken und dem Tier schien ein heimliches Abkommen zu bestehen, dass einer den anderen nicht zu belästigen habe. Hombach hatte ihm der unreinen Rasse und des dreckigen Aussehens wegen den verächtlichen Namen ,Mäckes’ gegeben, eine Bezeichnung, die der Siegerländer sonst im Allgemeinen für Stromer, Kesselflicker, Lumpensammler und Mannemacher gebraucht. Der Hund war feind mit allem, was nicht zum Hause gehörte – und der Herr fand das ganz in Ordnung, denn diese verdrehte Welt verdiente nach seiner Meinung keine Sympathie mehr.

In diesem Winter kam Reinhard nach langer Zeit einmal ganz unerwartet nach Hause. Er ging gleich in die Küche, denn von dort kam das Gekläff des ‚Mäckes’. Der Anblick, der sich ihm bot, überraschte sogar ihn, den Sohn des Hauses.

Vor dem Spülstein stand breitspurig sein Vater mit nacktem Oberkörper. Das fließende kalte Wasser mit den Handflächen auffangend, wusch er sich Gesicht, Hals, Rücken und Brust.

Der Sohn grüßte. Er erhielt keine Antwort. Das laute Schnäuzen des Alten und sein Plustern mit dem Wasser verursachten starke Geräusche. Kilian Hombach wandte sich nicht einmal um.

Der Hund knurrte wieder und bellte laut auf. Er fletschte das braune, starke Gebiss.

„Du könntest das Vieh auch in die Hundehütte sperren“, meinte Reinhard.

Der Alte drehte den Kran zu und griff nach einem Handtuch. Reinhard sah, dass es schon oft benützt und sehr unsauber war.

„Es kann dir doch gleichgültig sein, wo der Hund liegt!“ Der Vater schrie es aus sich heraus, während er den Oberkörper mit dem Tuch abrieb.

„Mir kann ja schließlich alles egal sein, was hier geschieht. Vielleicht kommt auch mal die Zeit, wo ich mich für die hiesigen Angelegenheiten nicht mehr interessiere.“

„Na, weshalb treibst du dich denn noch immer hier herum?“

„Weshalb? – Es ist wohl Mitleid – Mitleid mit dir und dem Hause!“

„Was? – Mitleid? – Du armer Säckel!“

„Ich sehe, wie du hier lebst. Das ist ja menschenunwürdig. Der Schmutz liegt überall haufenweise.“

„Das geht dich ‘n Dreck an, was hier ist!“

„Du solltest dir wieder eine Hilfe ins Haus nehmen!“

„Mich weiter mit halsstarrigen Weibern rumschlagen, he, was?! – So siehst du aus! Hat mich lange genug kujoniert, die Müllern. Ich werde mit mir selbst schon fertig!“

„Und wie war es mit der Elsa Hiller? Man hat dich tyrannisiert, ja, ja, ich verstehe!“

„Kannst sie dir ja nehmen, du Moralprediger. Über mich ist genug Elend gekommen. Nun schweig still, ich will nichts mehr hören. Die Ludergeschichte mit der Hillern fortsetzen – in meinem Hause! Nee, das gibt’s nicht! Überraschungen von dieser Seite lehne ich ab. Ein für alle Mal!“

Der Sohn stützte sich an den Pfosten der Tür. Sein Gesicht verzog sich.

„Grauenhaft, wie tief der Mensch sinken kann“, sagte er leise vor sich hin.

Es waren zwei grundverschiedene Männer, die sich gegenüberstanden. Der junge Hombach, groß und stark gewachsen, gepflegt wie ein wohlhäbiger Mensch – und der Greis in seinen herabhängenden Harmonikahosen aus billigstem Manchesterstoff, das halb geschnittene, noch üppige graue Haar wie Schweinsborsten wild über dem Kopf hängend – mit einer für sein Alter erstaunlich massigen, breiten und muskulösen Brust.

Reinhard setzte sich an den Tisch und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. Der ‚Mäckes’ lag neben dem Herd auf einem Aschenhaufen und scharrte sich wiederholt am Halse. Kein Zweifel, dort musste etwas sitzen, was ihn quälte. Ein ungepflegtes Tier war es, mit einem Fell, aus dem der Schmutz starrte. Überall standen ungereinigte Kochtöpfe und Essgeschirre auf Schränken und Schaften. In der Bratpfanne hing grauer Schimmel fast fingerdick. Auf dem Boden lagen in den Ecken blanke Knochen umher, von des Hundes Schnauze herumgezerrt in Tagen und Wochen.

Der Sohn zog schaudernd die Schultern zusammen. Die von Staub fast blind gewordenen Scheiben der Fenster ließen nur ein erbärmliches Licht herein. Es lag ein Halbdunkel in der Küche wie bei der Dämmerung. Aber was beinahe Übelkeit erregte, war der Geruch von verdorbenen Speiseresten.

Der alte Gewerke hatte sich mittlerweile angekleidet.

„Du kannst ja machen, was du willst“, sagte er nun, mit beißendem Hohn in der Stimme. „Hast ja schon lange deinen Willen gehabt. Ich habe den meinen!“

„Die Freiheit, die ich mir selbst gab und geben musste, hat mich noch nicht gereut“, erwiderte Reinhard. „Ich kann nicht klagen. Es geht immer weiter aufwärts!“

„Du siehst gut aus. Das muss ich zugeben. Du magst deinen Spaß daran haben, lumpigen Schrott, Zeug von Althändlern, in die Öfen zu schieben. Natürlich, der Brei, den du verzapfst, ist vonnöten!“ Ein hässliches Lachen schallte durch die Küche.

„Man hat seine ehrliche Arbeit, Vater. Und es muss Stahl gegossen werden. Jedes Eisending ist in seinem Urstoff einmal durch die Martinöfen gegangen!“

„Kerl, das interessiert mich nicht die Spur. Der Ursprung des Eisens ist in der Grube. Da waren die Hombachs zu finden seit Jahrhunderten. Wir gehören in die Berge, in den Schacht, in die Stollen!“

„Was willst du denn! – Wenn ich mich nur auf den Beruf des Bergassessors gestützt hätte, so wäre ich ein halbes Dutzend Jahre ohne Stellung gewesen. Vielleicht wäre ich noch nicht in einem Betrieb.“

„Gute Bergleute sind stets gesucht gewesen. Der Kolzmann Hannes ist vorige Woche aus Java zurückgekehrt – hat sich dreißig Mille erspart als einfacher Bergmann. Dir wurde vor acht Jahren dort die Stelle eines Betriebsführers angeboten. Du könntest heute schon einen schweren Sack voll Geld haben. Und meine beiden Gruben warten – warten auf Kapital! Da liegt der Laden still und wächst zu. Alles geht zum Teufel, alles verlottert... 

 

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