Leseprobe aus "Gefahr in dunkler Tiefe"

Im Stollen nahm auch Kalli seine Taschenlampe und seinen Helm aus dem Rucksack heraus, während Tom sein modernes Licht gegen die alte Grubenlampe tauschte. Er hatte sie bereits zu Hause startklar gemacht und musste sie nur noch anzünden. Sogleich verbreitete sich ein heller Schein, sodass sie sich deutlich besser umschauen konnten. Sie setzten ihre Helme auf. Die Rucksäcke kamen wieder auf die Rücken.
Der Gang war offenbar schon sehr alt, nicht sehr hoch und breit und offenbar nur mit einfachem Werkzeug, also Schlägel und Eisen (Hammer und Meißel), vorangetrieben, nicht aber gesprengt worden. Saubere Bergmannsarbeit. In der Mitte floss munter ein Rinnsal. Das war unangenehm und würde früher oder später für nasse Füße sorgen, denn Stiefel hatten sie nicht mit. Vorsorglich schlugen sie die Hosenbeine mehrfach um. Tom holte seine Gangkarte heraus, um sich zu orientieren. Dann zogen die beiden Entdecker vorsichtig los.
Sie mussten hintereinander gehen. Ihre Lampen warfen dunkle, flackernde Schatten an Wände und Decke. Hin und wieder rieselte Wasser über die Wand oder tropfte von der Decke. Viel zu sehen gab es sonst allerdings nicht.
Das änderte sich aber, als sich wenig später der Gang gabelte. Gleich rechts war im Licht der Lampen eine hallenartige Erweiterung zu erkennen. Gewaltige Holzstempel, dick wie Baumstämme, standen in kurzen Abständen an den Seiten, schwere Balken, waagerecht darauf gesetzt, sicherten die Decke.
Zahlreiche Querhölzer an den Wänden stabilisierten zu einer Mauer aufgestapeltes und kunstvoll miteinander verschachteltes Gestein. Schwere Brocken waren darunter. Es war ein kunstvoll angefertigter Bau, um den Stollen und den sich daran anschließenden Abbau vor Einsturz zu sichern. Das hatte sicher eine Menge Arbeit gekostet. Demzufolge mussten sich die Bergleute eine hohe Ausbeute an Erz versprochen haben.
Aber Tom wollte lieber nicht daran denken, wie alt dieser Holzverbau war. Dennoch sah alles erstaunlich stabil aus. Er machte, genau wie Kalli, einige Fotos.
Tom hielt seine Lampe höher. Holzbalken und Gestein leuchteten in gelblichem Licht. Gleich vorn war eine breite Felswand, der Abbau, also ‚vor Ort‘. Hier hatten die Bergleute damals das Erz geschlagen.
„Boah“, staunte Kalli und unterbrach damit die längere Stille, denn beide Jungen hatten bisher beeindruckt geschwiegen. „Das sieht wirklich toll aus!“ Seine Stimme klang seltsam gedämpft. Tom nickte nur.
Sie traten näher, krabbelten über Felsbrocken weiter in Richtung der Wand. Dabei bemerkten sie, dass hier neuerdings Gestein abgeschlagen worden war. Viele der Steine hatten helle Stellen. Brocken lagen am Fuße der Wand und die beiden Entdecker schlossen daraus, dass ihre Vorgänger hier wohl Mineralien gesucht hatten. Viele Steine waren geduldig und sicherlich mit viel Anstrengung zertrümmert worden, in der Hoffnung, einen schönen Fund zu machen.
„Sieh mal, da drüben!“, sagte Kalli und richtete den kräftigen Strahl seiner modernen Taschenlampe auf die linke Seite der Wand.
Tom sah sich die Stelle näher an. Es gab da eine breite Quarzader. Das weiße Gestein hob sich deutlich von seiner dunklen Umgebung ab. Im Quarz glitzerte es golden. Tom wusste, dass es sich hierbei um Pyrit handelte, Schwefelkies, den man landläufig als ‚Katzengold‘ oder ‚Narrengold‘ bezeichnete. Die Grube ‚Goldborn‘ war bekannt für schöne, auch sehr große Stufen aus Pyrit, und so wunderten sich die Jungen nicht, dass Raubgräber hier eingedrungen waren. Die Art, wie sie den Einstieg angelegt und stabilisiert hatten, deutete darauf hin, dass sie wohl irgendwo hier unten eine gute Fundstelle entdeckt hatten und häufiger hierher kamen. Wahrscheinlich war auch Ronnie mit dabei gewesen.
„Die haben hier zwar gehämmert, aber wohl nichts Besonderes gefunden“, vermutete Tom beim Blick auf die zahlreichen kleinen, grauen und weißen Brocken und Gesteinssplitter. Er richtete den Strahl seiner Lampe zur Decke, besah sich den Fels und murmelte nur: „Scheint alles sicher zu sein.“ Dann holte er aus seinem Rucksack Hammer, Meißel und Schutzbrille. Er zog die Brille auf, setzte den Meißel an einer Vertiefung an und schlug zu. Aber der Quarz war derart hart, dass ihm nur kleine Splitter ins Gesicht flogen. Wie gut, dass er die Schutzbrille trug. Auch weitere Versuche blieben erfolglos, sodass er schließlich aufgab.
„So wird das nix“, sagte Kalli enttäuscht und Tom stimmte ihm zu.
„Wir müssten viel größere Hämmer und Meißel haben.“
Sie sahen sich noch etwas in dem Abbau um und gingen dann ein Stück zurück, um dem anderen Stollen zu folgen. So tappten sie eine Weile durch die Dunkelheit. Es dauerte, bis sie erneut an einen Abbau kamen. Auch hier wieder das gleiche Bild: Stabile Holzstempel stützten das Gestein ab. Und doch gab es eine Besonderheit, stellten die Jungen fest, als sie sich näherten. Der große Abbau lag deutlich tiefer als die Stollensohle.
„Mensch, schau mal, hier liegen noch ganze Stücke Pyrit“, rief Tom aufgeregt aus und beeilte sich, um an die Stelle zu kommen. Er hob die schönsten Stücke auf und stopfte sie sogleich in seinen Rucksack. Auch Kalli bediente sich. Das waren zwar keine großen Schaustufen, aber ihre Vorgänger mussten einen derart guten Fund gemacht haben, dass sie auf die kleineren Brocken keinen Wert mehr legten, obwohl auch die sehr schön waren.
Es zeigte sich, dass sie hier auf eine richtige Pyrit-Ader gestoßen waren. Unglaublich, dass die alten Bergleute damals so eine Ader übersehen hatten! Vielleicht war das Vorkommen aber trotzdem noch zu gering für einen Abbau, der sich wirtschaftlich gelohnt hätte. Möglich war aber auch, dass sie erst später freigelegt worden war. Wenn man die ausbeuten könnte! Die Stufen sogar an Sammler verkaufen! Tom dachte kurz daran, welche Wünsche er sich mit dem Erlös erfüllen könnte. Schickes Fahrrad, tolles Handy, besseren Computer. Aber dann machst du es genau wie Ronnie‘, meldete sich sein Gewissen. Eigentlich dürften sie ja auch gar nicht hier sein! Wenn das rauskam!
Die beiden Jungen waren vom Entdeckerfieber regelrecht überwältigt worden. Abwechselnd hämmerten sie an der Wand herum, klopften hier und da noch eine faustgroße Stufe aus der Wand. Mineralsteine, die sie vorher schon eingesteckt hatten, flogen wieder auf die Erde und wurden für noch bessere getauscht. Genau so hatten es ihre Vorgänger auch gemacht. Die Rucksäcke füllten sich und wurden immer schwerer. Die Zeit verging.
Die Jungen fühlten sich zunehmend erschöpft. Ihnen war ordentlich warm geworden, die Helme drückten.
„Ich hab das Gefühl, als würde es immer dunkler“, schnaufte Tom nach einiger Zeit ermattet und setzte sich auf einen großen Felsbrocken. Er schaute auf seine Grubenlampe. Die Flamme war deutlich kleiner geworden. „Kann doch nicht sein, ich hab sie doch frisch befüllt. Normalerweise hält die Stunden“, sagte er und drehte den Wasserhahn weiter auf. Aber nichts geschah...

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©Wolfgang Stoessel