Leseprobe aus "Wandulf, der Waldschmied"

Nachdem der Ritter mit seinen Freunden und Mannen in der Freusburg zwei Tage lang den billigen Sieg gefeiert – der Drost des Sayners, ein Moselaner und Freund edelsten Rebensaftes, hatte für beachtliche Vorräte an Wein gesorgt – und nachdem er den Junker von Bassenstein zum Hauptmann der Burg bestimmt hatte, zog er selbst mit dem Gros seiner Truppen nach Hause zurück. Das geschah nicht so verhalten und geräuschlos, so geordnet und nüchtern, wie sich der Anmarsch vollzogen hatte. Vom Ritter hinab bis zum jüngsten Trossknecht spürten sie die Macht des Weines und Biers und sie sahen alle aus, als ob sie von einer Kirchweih kämen.
Zwischen ihnen knarrten Wagen und Karren, hoch beladen mit Beute aller Art. Geschlagene Bauern der Herrschaft Freusburg hielten die Zügel; sie mussten auf ihren eigenen Fuhrwerken davonfahren, was man ihnen gestohlen. Hinter den Wagen trotteten Pferde und Rinder, und grunzende und quiekende Schweine wurden vorwärtsgetrieben. Man sang und lachte, man grölte und fluchte.
Der Herr von Seelbach ritt an der Spitze des Zuges. Als der mit Beute belastete Heerwurm sich an den Hängen jenes Berges hinaufschlängelte, den man Weißer Stein nannte, ging’s dem Seelbacher zu langsam vorwärts und er ritt mit seinen engsten Freunden schon weiter voraus.
Die Herren fühlten sich vollkommen sicher – wer konnte denn ihnen noch etwas anhaben? Und weil ihnen nach zwei durchzechten Tagen und Nächten die Köpfe schmerzten, hatten sie die Helme abgenommen und freuten sich eines kühlenden Windes, der aus dem Westen blies.
Als sie aber auf der Spitze des Berges die Pferde anhielten, um im Schatten eines Hochwaldes auf den schwer den Berg heraufkeuchenden Beutezug zu warten, erlebten die adeligen Strauchdiebe eine solch böse Überraschung, wie sie bisher von ihnen aus nur andere erfahren hatten.
Plötzlich tauchten zwischen den Baumstämmen Reiter auf und griffen an. Die Herren hatten nicht mehr die Zeit, ihre Helme aufzusetzen, kaum konnten sie noch das Schwert ziehen, so schnell waren die Reiter da. Und dann hub ein Fechten an, wie’s diese kampfgewohnten Ritter noch nicht mitgemacht hatten.
Der hagere und glatzköpfige Herr von Molsberg plumpste vom Pferd und wälzte sich, brüllend vor Schmerz und mit Blut übergossen, auf dem Waldboden; auch der dicke und feiste Ritter von Alsdorf wurde im Nu aus dem Sattel geschlagen und schrie unter den stampfenden und scheuenden Pferden. Ein Herr von Kolbe gab flugs den Kampf auf, als er einen Stich in den Oberschenkel bekommen hatte.
Ein Glück für die Herren war’s, dass man bei der nachfolgenden Truppe gleich den Waffenlärm gehört hatte. Ein Unterführer brachte schnell eine Anzahl Reiter zusammen und kam damit den Angegriffenen zu Hilfe, sonst wäre in dieser Stunde das weite Land von den schlimmsten Vertretern des Raubadels befreit worden und in Städten und Dörfern und Gehöften wären viele tausend Schreie der Erlösung und noch mehr Dankgebete zum Himmel gestiegen.
Aber dieser schnell entschlossene und tapfere Unterführer rettete die schon zerschlagene ritterliche Gesellschaft und verdarb dem Teufel, wie die Bauern später sagten, den festlichen Empfang von Freunden, zu dem er schon vorbereitet gewesen wäre. Als der Unterführer mit seinen Reitern anritt, zogen sich die Angreifer so schnell zurück, wie sie gekommen waren. Sie stoben nur so davon. Und die zu Hilfe gekommenen Reiter konnten zunächst nicht an Verfolgung denken; sie mussten sich um die furchtbar blessierten Herren kümmern, die teils stöhnend und heulend am Boden lagen, teils wie große zerrupfte Puppen in den Sätteln hingen.
Ritter Henner lag fast bewusstlos, nur noch leise röchelnd, über dem Hals seines Pferdes, waffenlos, ein Arm baumelte auf dieser Seite des Pferdehalses, der zweite auf der andern. Das rechte Ohr war ihm akkurat vom Kopf getrennt worden, genau wie weiland dem Knecht des Hohenpriesters. Aber es war niemand da, der’s ihm wieder angeleimt hätte. Sein Hals hatte eine klaffende Wunde; und hätte der oberste Halsring seines Panzers den Schlag nicht gehemmt, so wäre dem Teufel wenigstens der fetteste Braten serviert worden. Zeige- und Mittelfinger seiner Schwerthand hingen nur noch an einem Stückchen Haut. Und an manchen Stellen des ritterlichen Leibes drang das Blut durch die Rüstung. Den Herren von Burpach, Zepfenfeld, von der Hees, den von Eichen, Kolbe, Heistern, Budendorff, Gylsbach und Dauwe war’s noch schlimmer ergangen.
Man bettete die übel zugerichteten Ritter auf den Waldboden und versah sie reichlich mit allen Mixturen, heilenden Ölen, Kräutern und Pflastern, die man in jener Zeit bei einem kriegerischen Auszug mitzunehmen pflegte. Auch Wein gab man ihnen zur Stärkung.
Als Ritter Henner wieder regelmäßiger atmen konnte und seine Sinne gesammelt hatte, stieß er über die bärtigen, noch immer blassen und bebenden Lippen:
„Ah, da hab ich’s – da hab ich’s! Mord und Brand! Dieser hundertmal verfluchte Schmied!



*


Mit der Beute konnten die siegreichen Scharen des Ritters Henner nun auch die arg zerschlagenen und geschundenen Herren zur Hohenseelbachsburg fahren; reiten oder laufen vermochte nicht einer mehr von jenen, die am Gefecht teilgenommen hatten. Nur einige von ihnen hatten noch die Kraft zu stöhnen und zu fluchen.
Ritter Henner sagte kein Wort mehr; er lag auf einem Wagen, der mit Kissen und Leinwand angefüllt war, und verbiss die Schmerzen, die der schockelnde Wagenkasten noch erheblich vermehrte. Wie ein gefällter Stier ruhte er auf dieser Beute aus Bettladen und Truhen, den Mund zusammengekniffen, die funkelnden Augen halb geschlossen. Oft rollten ihm Tränen in den Bart. Waren es Tränen des Schmerzes oder der Wut?
Drei Tage sorgsamster Pflege brauchte er in der Burg, bis er sich wieder von seinem Lager erheben konnte. Auch in dieser Zeit sprach er kaum ein Wort. Er war sich nun aber darüber klar geworden, dass er einen schweren Fehler begangen und ihn seine Ahnung nicht getrogen hatte. Als der Schmied im Wald auf ihn eingeritten war, da war’s ihm gewesen, als stünde ihm genau derselbe gegenüber, dessen Hammer er vor fast vierzig Jahren nur mit viel Glück entgangen. Fast glaubte er an die Auferstehung eines Rächers, der bestimmt war, ein Werk zu vollenden, bei dem er früher unterbrochen worden. Dieselben blitzenden, Zorn sprühenden Augen! Und wieder hatte er bei seinem Anblick geglaubt, es streife ihn die kalte Hand des Todes. Nun machte er sich Vorwürfe darüber, dass er sich von einem dunklen Gefühl hatte hemmen lassen und auch aus Rücksicht auf den geplanten Angriff den Schmied geschont hatte. Er war jetzt überzeugt davon, dass der Schmied ihm gefährlicher wurde als irgendein anderer seiner zahlreichen Gegner. Nach dem Kampf im Walde glaubte er fest, dass eine unfassbare Macht den Schmieden einen entscheidenden Einfluss auf sein Schicksal übertragen habe. Ihm war’s, als reckten sich aus weiter Vergangenheit rachefordernde Fäuste gegen ihn. Zweimal bin ich nun diesen Schmiedetatzen entkommen, sagte er sich, aber aller schlechten Dinge sind drei, vielleicht geht’s mir nun beim dritten Mal an den Kragen.
Diese Überlegung versetzte ihn in einen wilden Trotz und in eine maßlose Wut. Er war nicht der Mann, der sich einem Schicksal beugte oder ihm auszuweichen versuchte durch ängstliches Ducken. Wollen sehen, wer Sieger bleibt, dieser lumpige kleine Schmied oder
der große gewaltige Ritter Henner! Doch wenn er den Schmied auch lumpig und dreckig, Hundesohn und Mäckes nannte, so ragte aus der schäumenden Gischt seiner Wut doch immer wieder das Inselchen einer Achtung auf vor des jungen Handwerkers Kühnheit und Wagemut.
Am dritten Tage war es, dass sein Zorn mit aller Wucht losbrach, so wie ein aufgestautes Gewässer, das jäh die Dämme zerreißt. Wie ein Wilder begann er zu schreien; und er schwur so lange dem Waldschmied Folter, Blutstuhl und Galgen, bis ihn die Mattigkeit wieder umwarf. Dann hockte er wie gebrochen auf seinem Bett und spottete mit beißendem Zynismus über die ganze Ritterschaft: Was noch keiner gewagt zwischen Rhein und Lahn und Ruhr, das hätte ein tausendmal verdammter Rotzjunge von einem Schmied vollbracht. So ein Schmied wäre ihm lieber als das ganze Rudel seiner Freunde. Der gesamte Adel mit Bischöfen und Kaiser sei eine feige Hammelherde, nur der Schmied sei ein Kerl. So ein Schmied – so ein Ausbund, so ein Prachtexemplar von einem Schmied. Der könne ja mit dem Schwert noch geschickter umgehen als mit dem Hammer. Alle Ritter des Heiligen Römischen Reiches müssten sich vor diesem Schmied verneigen; denn er sei der Erste, der’s fertig gebracht habe, ihm so ungeheuerlich am Zeug zu flicken. Wenn er aber danach auf das abgehauene Ohr sah, das man eingeklemmt in den Halsringen seiner Rüstung gefunden und das jetzt neben ihm auf einem Tischchen lag, und auf die rechte Hand, an der zwei Finger fehlten, so hub er wieder an zu brüllen in schrankenloser Wut und schwur, den Schmied zu verbrennen, zu rädern, zu vierteilen und lebendig zu begraben.
Leicht war’s, auf seiner hohen Burg einen solchen Schwur zu tun, viel schwerer jedoch, den Waldschmied zu fangen und auf einen Richtplatz zu bringen. Ritter Henner bot seine ganze Macht auf. Alle seine Freunde und Lehnsmänner und Waffenknechte mussten nach dem Waldschmied fahnden. Aber es war vergeblich. Der junge Schmied schlüpfte an den aufs feinste geflochtenen Fangnetzen vorbei wie eine glatte erfahrene Forelle und auch den wildesten Treibjagden wusste er zu entkommen. Manchmal war’s, als sei er überhaupt nicht mehr da. Dann aber bewies er dem Ritter plötzlich wieder, dass er noch quicklebendig war und sogar den Geschmack an Späßen nicht verloren hatte. Und er war nicht allein; bärenstarke, tollkühne und todgefährliche Gesellen standen an seiner Seite, lauter Burschen, die dem Ritter noch eine Rechnung zu präsentieren hatten und sich nun bezahlt machen wollten. Diese Gesellschaft begann plötzlich damit, die ergebendsten Freunde, Günstlinge und Büttel des Ritters Henner – meist geschmeidige Höflinge und katzbuckelnde Sklavennaturen – aufzugreifen und hundsjämmerlich durchzuprügeln. „Oh ihr Schreihälse!“, rief ihnen der Waldschmied zu, wenn ihre Schmerzensschreie gar zu gellend wurden, „tut denn der Stock so weh? Wie wundert mich das! Ihr hattet ihn doch immer gleich bereit für arme Bauern und Fröner! Oh, ich prügele nicht gern! Es ist mir ekelhaft! Verzeiht, ihr Herren! Ich tue es ja nur, um euch kosten zu lassen, wie’s schmeckt!“
So erging es einem Herrn von Eichen und dem von Zepfenfelde, erzschlauen Beratern und Flatteuren des Ritters Henner. Jedem der beiden ließ Wandulf auch noch einen Hundeschwanz anhängen, der – wie er zu seinen Gesellen sagte – in einer ehrlichen und gerechten Welt jeden hündischen Schmeichler und Kriecher und Heuchler zieren müsste.
Im weiten Land an der Sieg und Heller schüttelte man .....

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